Arm unter Armen

Mit diesem vor dem Tod meines Freundes (19.11.2007) geschriebenen Text, kann ich ihn vielleicht am meisten ehren; ihn, der als Achtzigjähriger bis zur letzten Stunde sozial tätig war.

September 1990. Vor mir sitzt ein kleiner, asketischer, 63 Jahre alter Mann mit blitzenden Augen und wettergebräuntem Gesicht. Er kommt gerade aus Rom, wo er im Bereich des Vatikans und vor allem im Beisein von Mutter Teresa an Exerzitien über das Thema "Gerufen, um das Evangelium zu verkünden" teilgenommen hat, die von einem holländischen Wohltäter finanziert worden sind. Wir haben ihn für ein paar Tage zu uns eingeladen. So kann er mit meiner Gattin Theres, die die Gruppe Kinderhilfe Emmaus gegründet hat, über die in seinem Land laufenden Entwicklungsprojekte diskutieren.

Dieser Mann ist Pater Susai Michael Raj aus Perumalmalai in Südindien. Er ist seit dreißig Jahren Priester und sagt, in seinem Leben Höhen und Tiefen gehabt zu haben, jedoch immer glücklich gewesen zu sein. Er hat seinen missionarischen Auftrag im Dienst des Erzbistums als Herausgeber einer Zeitung und Leiter der sozialen Aktion begonnen, hat sich zu den Ärmsten begeben und ihnen mit allen Kräften geholfen. Heute ist er nicht nur Pfarrer, Direktor mehrerer Schulen und Mitglied zahlreicher privater und staatlicher Organisationen, sondern auch Präsident der People's Welfare Society, die eine Reihe von Entwicklungsprojekten verwaltet.

Im Laufe der Tage hat mir seine Einfachheit imponiert, und seine Art zu sprechen, sich zu kleiden und zu handeln, erinnerte mich an die Arbeiterpriester meiner Jugend. In den Gesprächen, die wir geführt haben, ist mir, trotz seiner Bescheidenheit, seiner Zurückhaltung und seiner anglo-indischen Sprache mit einem beschränkten Wortschatz, eine große Gelehrsamkeit aufgefallen, aber auch eine tiefe Kenntnis des Evangeliums und vor allem der Taten Christi. Wie viele Inder liebt auch er es, Begriffe einzufügen, die den Fatalismus oder den Glauben an die Astrologie zum Ausdruck bringen. Als Abendländer entlockte mir seine Voraussage für meine oder meiner Kinder Zukunft ein Lächeln.

Mit einer Zigarette im Mund, erinnerte er mich an meinen Vater. Wenn er mich in die Stadt oder auf den Thunersee begleitete, trug er trotz der bereits herbstlichen Kühle nur einen Pullover und ein Jackett. Bei Tisch ein wenig Tee am Morgen, ein Teller Reis, eine Banane mittags oder abends schienen ihm zu genügen. War er damit nicht jenen ähnlich, mit denen er ständig zusammenlebte, diesen Armen der niedrigsten indischen Kasten, den Harijans oder den anderen? Oder lebte er wie sie, um ihnen besser zu dienen? Ich stellte mir Fragen, wie so viel Kraft und Dynamik bei so viel Anspruchslosigkeit möglich waren.

Wir sind Freunde geworden, und seine innere und äußere Botschaft hat mich und meine Frau stark berührt, selbst wenn auch wir uns schon seit langem bemühen, ganz einfach zu leben. Übrigens wird ein Teil unserer Altersversicherung und Ersparnisse zugunsten jener eingesetzt, die er liebt. Wie könnten wir anders handeln?

Ich kann dem Drang nicht widerstehen, ihnen einige typische Gegebenheiten aus dem Leben Pater Susais und demjenigen der Armen, seiner Freunde, zu verraten.

Er wohnt also in Perumalmalai (etwa fünftausend Einwohner), einer der Gemeinden von Kodaikanal. Zu seiner Pfarrei gehören etwa zweitausend Seelen, über sechs Dörfer verstreut. Zu zweien von ihnen gibt es weder eine Straße noch Transportmittel, so daß er seinen alten Wagen im Zentrum stehen lassen muß, um fünfundvierzig Minuten zu Fuß weiterzugehen, wenn er seine Pfarrkinder besuchen will. Diese sind fast alle Tagelöhner, die vorübergehend in der Landwirtschaft Arbeit finden; nur wenige haben eine Grundschulausbildung erhalten. Die meisten verdienen kaum einen Schweizerfranken pro Tag, der ihnen von den Großgrundbesitzern ausgehändigt wird, und wenn die Saison zu Ende ist, sind sie arbeitslos. Das so verdiente Geld reicht nicht aus, um ihre Familien zu unterhalten, und manche ergeben sich dem Trunk, um sich über die täglichen Enttäuschungen, das Nichtstun und die beengten Wohnverhältnisse hinwegzutrösten. Die meisten ihrer Hütten sind aus einer Mischung von Lehm, Steinen und Kuhfladen gebaut; die Dächer aus Stroh oder Kokospalmenblättern stürzen ständig ein. Wenn die Männer kein Geld mehr haben, gehen sie Verpflichtungen mit Zinsen von 60 bis 100 % ein.

Die Frauen, die die kleinen Kinder hüten, müssen das Brennholz für ihre Küche oder für den Verkauf von weither holen, und manchmal arbeiten sie in Steinbrüchen. Sie leiden als erste unter den Auswirkungen der unwürdigen Löhne ihrer Männer in Form von Armut, Hunger und Streit. Eines Tages kehrt der Ehemann nicht nach Hause zurück, weil er keine Arbeit gefunden hat oder sich schämt. Die großen Töchter sind häufig zu Hause, wenn sie nicht in die Stadt gezogen sind, um Prostituierte zu werden. So helfen sie der Mutter und warten, daß man einen "Mann" findet, der ihnen, wie es der Brauch ist, von den Eltern auferlegt wird; die Familie muß eine hohe Mitgift zahlen, was sie noch tiefer ins Elend stürzt.

Die Pfarrkirche mit ihrem Blechdach ist zu klein, und alle Mittel werden durch die sonntägliche Kollekte zusammengebracht, die etwa 150 Rupien einbringt, wenn alles gut geht (das sind nicht einmal 10 Schweizerfranken). Damit muß man die gewaltigen sozialen Schwierigkeiten meistern, den Glauben verbreiten und die Berufungen fördern, Bibelkurse veranstalten usw. Und doch gibt Pater Susai seiner Freude Ausdruck: "Am Sonntag kommen an die fünfhundert meiner Pfarrkinder zur Messe, und die Kirche ist während der zwei oder drei Gottesdienste zum Brechen voll. Das ist für mich ein großer Trost!"

Die Tage vergehen blitzschnell. Jeden Morgen heißt es um 5 Uhr aufstehen, dann eine oder zwei Messen zelebrieren und beim Ausgang die Pfarreiangehörigen begrüßen, die ihre gewaltigen Sorgen vortragen und um Hilfe bitten, denn man betrachtet ihn als den einzig möglichen Retter. Oft bleibt das Frühstück (und wäre es auch nur eine Tasse Tee) unberührt auf dem Tisch stehen.

In den darauffolgenden zwölf Stunden harren auf dem Programm: Besuch der Familien in den entlegenen Dörfern, Religionsunterricht, Kontrolle der verschiedenen Sozialtätigkeiten, das Ganze unterbrochen von zwei bescheidenen Mahlzeiten. Es gilt, überall zu sein, zu überwachen, viele Ratschläge zu geben: in der Krippe für Kinder von 3 bis 5 Jahren, in den Schulen für die Großen (etwa 1500, viele von ihnen Waisen), der Kaninchenzucht, der Kokosnußindustrie (Matten, Seile usw.), die von jungen Mädchen und Frauen betrieben wird, im Kulturzentrum ... Eine ganze Reihe von Einrichtungen, die der Pater mit den Bewohnern der Dörfer, den kirchlichen oder Laiengesellschaften und manchmal mit den Behörden zusammen geschaffen hat.

Am Abend folgen die Sitzungen der Sozial-, Kirchgemeinde oder Schulkomitees oder aber alle administrativen und buchhalterischen Arbeiten, so daß für den Schlaf nur wenige Stunden bleiben. Wenn Pater Susai endlich zu Bett geht, in seinem Pfarrhaus mit den weißen Mauern, surren ihm die Ohren noch von all der körperlichen und seelischen Not, den endlosen Gesuchen, aber auch vor Freude über gewährte Hilfe: ein repariertes Dach, die Lieferung einer Nähmaschine, das Darlehen für den Kauf eines kleinen Verkaufsstandes, die Übergabe einer Kuh, der Bau eines Hauses oder einer Schule, die Förderung von Hunderten von Kindern, häufig dank Emmaus.

Die Ergebnisse dieser Tage des Paters voll schwieriger Arbeit und Armut sind erstaunlich: Männer, die wieder arbeiten und nicht mehr trinken, Frauen, die ihre Würde wiedergewonnen haben (oft bilden sich Gruppen), Jugendliche, die zur Schule gehen, die einen Beruf gefunden haben und dann häufig die ganze Familie ernähren.

Thiruselvam hat seine Mutter verloren, als er 13 Jahre alt war, und sein Vater leidet an Asthma. Wegen eines Knochenbruchs ist ein Bein kürzer als das andere, und er konnte nicht mehr zur Schule gehen, weil er zu schwach war. Jetzt ist er 23; er hat eine Nähmaschine bekommen und den Schneiderberuf erlernt, was seinem ganzen Leben und dem seines Vaters eine neue Wende gegeben hat. Die Freude ist ins Haus zurückgekehrt.

Der Vater von Murugan und Perumal arbeitete im Akkord, und oft endete der Tag ohne Lohn. Ein Darlehen hat ihm den Kauf eines kleinen Ladens ermöglicht, in dem er etliche Lebensmittel verkauft. Manchmal nimmt er pro Tag 75 Rupien ein, und mit einer zusätzlichen Investition wird der Tagesverdienst noch steigen. Murugan besucht die Oberschule und kann später dank seiner Ausbildung einen Beruf ausüben. Im Augenblick sind die Sorgen verflogen.

Die Mutter von Rani, einem Patenkind von Emmaus, erhielt dank dem Arbeitsbeschaffungsprogramm Geld für eine kleine elektrische Mühle. Sie hat ihren Beruf daraus gemacht und verkauft das gemahlene Getreide. Dieser Erwerb erlaubt ihrer Familie, den täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Das sind nur drei Schicksale aus Hunderten von Menschen, die Pater Susai gerettet hat. Als Armer unter den Armen hat er durch seinen Einsatz für die anderen den Weg der Liebe entdeckt, auf dem er täglich schreitet und seine ermüdende Arbeit mit unversiegbarem Glücksgefühl verrichtet.

Marcel Farine